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Karsten in der Soccer City. Teil 3: Der Weg zurück

Soccer City, das größte Stadion in Afrika und die Nummer 12 in der Welt (laut Wikipedia, Nr. 4 wenn wir American Football Stadien nicht mitzählen). Und bei der vielleicht meist beachteten Paarung Südafrikas war ich mittendrin. Nach vielen aufregenden Momenten auf dem Weg hin und während des Spiels, musste ich ja aber auch noch zurückkommen…

Das hier ist die Geschichte, wie ich es geschafft habe mir da das lokale Derby zwischen den Kaizer Chiefs und den Orlando Pirates anzusehen. Und weil es eine lange Geschichte ist, kommt sie in 3 Teilen daher.

Metro Busse

Der Weg zum Stadion (siehe Teil 1) und meine Zeit im Stadion selbst (Teil 2) verliefen eigentlich überraschend gut. Schon im Vorhinein machte ich mir die meisten Sorgen rund um meinen ganzen Trip um den Weg zurück. Nach einem Fußballspiel kann man sich vor dem Stadion natürlich nicht eben ein Taxi rufen. Allerdings gibt es ein Bussystem, das von dort nach Hause fuhr. Witziger Weise war meine Station das Ellis Park Stadion, das andere große Stadion in Johannesburg, in dem die Springbocks damals die Rugby Weltmeisterschaft gewannen. Übrigens mit 62.567 Sitzplätzen Afrikas 10. größtes Stadion (Liste).

Mit diesen Bussen bin ich bis dahin allerdings noch nie gefahren. Und kurz nach Abpfiff war ja auch noch der offizielle Sonnenuntergang. All die Empfehlungen für Touristen in Johannesburg enden immer mit: Bei Dunkelheit nicht alleine draußen rumlaufen. Also wurde mir etwas mulmig.

Diese Busse, genannt Metrobus, sind relativ neu und ein sehr abgeschlossenes System, um alles etwas sicherer zu machen. Zunächst musst Du Dir natürlich ein Ticket kaufen oder aber Deine Bus-Karte aufladen, nur damit kommst Du durch eine Schranke (ähnlich wie in U-Bahnen in London oder Paris). Dann bist Du sozusagen in der Bushaltestelle. Das ist alles ein Gebäude, also drinnen.

Am Stadion ist das natürlich recht groß, in der Stadt sind das eher so 5m breite Glasbaukästen in der Mitte der Straße. Denn auch raus kommst Du nur mit Deinem Ticket. So soll schwarzfahren vermieden werden und aber auch, dass sich innerhalb der Stationen Kriminalität ausbreitet.

Einmal drin, musst Du dann zu einer Tür, vor der sich dann irgendwann Dein Bus stellt. Der Bus öffnet die Tür, die Bushaltestelle öffnet auch die Tür und Du kannst wie durch einen kleinen Tunnel in den Bus. Ganz hübsches System eigentlich.

In der Bushaltestelle

Das Ticket kostete mich umgerechnet 1€. Jetzt war es für mich aber gar nicht so einfach die richtige Tür zu finden, vor welcher dann der Bus mit meinem Ziel hält. Beschilderung und Pläne wie ich sie aus Nord-Europa gewohnt bin, gab es schlichtweg nicht. An der Plattform Stadteinwärts war direkt eine Bustür offen und ein Mann in Uniform stand davor. Auf Frage, ob der Bus nach Ellis Park fahre, bekam ich ein: „Ja. Ääääh, nein!“
Das machte Mut.

Ich habe dann bemerkt, dass über den Türen Schilder hingen, die Bus-Route anzeigend. Allerdings hingen über der gleichen Tür die Schilder für den Bus in beide Richtungen. Und die  angezeigten Stationen sagten mir auch alle nichts. Nichtmal irgendwelche Punkte in der Stadt, die ich kannte wurden aufgeführt und meine Endstation auch nirgends. Die Beschilderung brachte mir also rein gar nichts.

Letztlich kam aber auch einfach kein Bus. Dafür immer mehr Leute, die auf einen warteten. Es gab ein ziemliches Gedränge, und ich ließ meine Hände in den Hosentaschen, wo ich mein bisschen Geld und mein Telefon hatte. Meine Nervosität stieg. Inzwischen war mein Plan, dass ich in den nächsten Bus einsteige und irgendwo im Zentrum ein Taxi rufe.

Nach einer Weile, ich stand bestimmt eine halbe Stunde in dieser Station, kam ein Bus. Vorne drauf stand „Sport Events“. Ich hoffte, dass das bedeutet, dass der Bus immer zwischen diesem und dem Ellis Park Stadion (in dem die Johannesburg Lions am selben Tag das Halbfinale des eines internationalen Rugby Turniers gewannen) hin- und herfuhr. Also wollte ich in jedem Fall in diesen Bus. Das wollten aber gefühlt auch alle anderen…

Im Bus

Die Tür ging auf und alle quetschten sich rein. Ich stand relativ günstig und würde es vermutlich noch rein schaffen, bevor der Bus voll weg fährt. So zumindest meine Hoffnung. Aber es waren wirklich sooo viele Menschen, die sich gleichzeitig durch diese schmale Bustür drängelten. Platzangst hab ich eigentlich nicht so im Repertoire, aber das war schon heftig. Fast bin ich zwischen der Bustür und der Bushaltestellentür raus gedrückt worden. Mit den Gedanken bei der LoveParade-Katastrophe ging mir nur durch den Kopf, dass ich in jedem Fall auf den Beinen bleiben müsse.

Wieder in latenter Panik riss ich meine Hände aus den Hosentaschen und hielt mich an der Decke fest. Oder zumindest damit die Balance. Ich quetschte mich also in den Bus und im Bus weiter in den hinteren Teil. Gedrücke und Geschiebe von allen Seiten.

Als ich endlich wieder Platz zum Atmen hatte, merkte ich, dass mein Telefon weg war. Verdammte Taschendiebe.

Ich war also in einem Bus, von dem ich nicht genau wusste, wohin der fuhr, in einer Gegend, von der ich eigentlich nur wusste, dass es für Touristen tendenziell eher gefährlich sei, um die Möglichkeit beraubt mir einfach irgendwo ein Taxi zu rufen. Dazu war es inzwischen stockdunkel.

Und während ich kurz davor war zu hyperventilieren, stand da im hinteren Teil des Busses plötzlich diese junge Frau vor mir und grinste mich an: „Du hast es geschafft!“
„Ja, schon, aber mein Telefon nicht…“
Nach einer kurzen Anteilnahme aller umstehenden Mitpassagiere, erzählte sie mir, dass ich in der Bushaltestelle sehr desorientiert wirkte und eine gute Zielscheibe abgegeben hätte. Um so toller, dass alles gut ist, Telefone sind ersetzbar, Taschendiebe sind Arschlöcher. Dafür bestätigte sie mir aber noch im richtigen Bus zu sein. Und freute sich für mich. Ich hatte es tatsächlich geschafft.

Wir unterhielten uns die gesamte Fahrt. Sie ist eher ein Rugby-Fan und das war ihr erstes Mal im Fußballstadion. Eigentlich redete sie die meiste Zeit. Das war auch ganz gut, gab es mir doch etwas Zeit mich wieder zu beruhigen. Da hatte ich ihn wieder gefunden, den einen Freund. Eine Freundin in diesem Fall. Und es ging mir wieder viel besser.

Ab nach Hause

Die Fahrt führte uns quer durch Johannesburg, das nachts noch mal ein ganz anderes Leben entwickelte. Naja, Nachts. Es war zwar stockdunkel, aber kaum 19 Uhr. Meine Freundin mit dem breiten Grinsen stieg irgendwann aus, für mich hieß das noch ein paar Haltestellen im leeren Bus zu fahren, bevor ich schließlich, nach einer knappen Dreiviertelstunde Fahrtzeit insgesamt, am Ellis Park Stadion ausstieg.

Ich hatte noch knapp 10 Minuten Fußweg vor mir, kannte die Gegend aber schon ein bisschen. Mein Kopf drehte auf Hochtouren. Unterschwellige Angst jeden Moment ausgeraubt zu werden, verstärkt durch das verschwundene Telefon, darum auch etwas Wut und Trauer, und oben drauf unfassbare Glücksgefühle von einem der großartigsten Erlebnisse überhaupt. Alles gleichzeitig. Krass. Überflüssig zu erwähnen, dass ich die Nacht kaum geschlafen habe.

Pics or it didn’t happen…

Mein Telefon war faktisch Schrott, das neue lag schon zuhause. Der Diebstahl war entsprechend verschmerzlich. Was aber wirklich sehr, sehr schade ist, sind all die Fotos, die mit geklaut wurden. Und die Telefonnummer meiner Freunde, des Derby-Pärchens vom Hinweg. Zu gern hätte ich Euch und den beiden Bilder gezeigt und mit ihnen hinterher noch gesprochen und ihnen von allem erzählt und mich bedankt.

Die Moral von der Geschicht

Wie angekündigt habe ich in meiner kleinen Geschichte nicht von Hautfarben gesprochen. Während des ganzen Tages, vom Weg zum Stadion bis ich wieder zuhause war, habe ich irre viele Menschen gesehen. Alle hatten eine dunkle Hautfarbe. Ich bin dazu noch recht blass, blonde Haare und größer als die meisten Südafrikaner. Stichwort: Leuchtturm. Und ja, es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Umso schöner, dass ich berichten kann, wie positiv alle waren und wie toll ich als offensichtlicher Outsider begrüßt und willkommen geheißen wurde.

Mir wurde klar, und das ist die eigentliche Botschaft hier, dass ich mich, der ich mich für sehr aufgeschlossen halte, von allen möglichen Ängsten, die ich direkt oder indirekt rassistisch nennen möchte, habe verrückt machen lassen. Das kommt durch unsere Kultur und durch die Angst dem Unbekannten gegenüber. Dass überall zu lesen ist wie gefährlich Johannesburg sei, tut einiges dazu. Dieser Paranoia und auch den sicherlich vorhandenen Gefahren (wenn auch vermutlich übertrieben) zu entfliehen ist der beste Tipp: Du brauchst nur einen Freund, eine Freundin. Und in Kulturen, die nicht so hyperindividualistisch geprägt sind wie Deutschland, ist es wirklich unfassbar einfach mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Fake-Ticket und Handy-Klau wiedersprechen dem Ganzen in meinen Augen nicht. Das hätte auf Schalke beides genauso passieren können und überall sonst auf der Welt. Arschlöcher sind die Ausnahme, die Menschheit ist gut und die Farbe egal.

Nachklapp: Unglück am Stadion

Als ich später zuhause war, habe ich von Freunden erfahren, dass am Stadion vor dem Spiel zwei Menschen im Gedränge umgekommen sind. Anscheinend waren ziemlich viele Fake-Tickets im Umlauf und an einem dieser Drehkreuze entwickelte sich eine Massenpanik. Ungefähr zur gleichen Zeit als ich da Probleme hatte und wohl auch nicht weit entfernt. Mitbekommen hab ich von alldem nichts. Zum Bericht.

Ich hoffe Euch hat meine kleine Geschichte gefallen. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Etwa von dem verrückten aus Simbabwe, der im Stadion neben mir saß. Oder wie das mit Speisen und Getränken im Stadion da lief. Oder von dem Mädchen, das die Busrichtungen anzeigte. Oder von der Frau, die einen schlechten Tag hatte, mit der ich mich im Bus noch unterhalten habe. Oder all die Dinge über die ich mich mit dem Derby Pärchen unterhalten habe. Ganz zu schweigen von all den anderen Dingen die ich in Südafrika erlebt habe.
Aber das machen wir ein andermal… 🙂

Published inDeutschGlobetrotter

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