Skip to content

One Moment In Time

Herr K. wurde 50 und wollte das groß feiern. Richtig fett. In der Aula der Schule in der seine Frau unterrichtet. Da sollten alle kommen. Der Befreundete Tommy leitet eine Big Band, in der sogar Herr K.’s Tochter spielt. Die können ja auftreten. Dann haben Freunde und Verwandte schön was zu schwofen. Perfekter Plan.

Der Abend läuft sogar ganz hübsch. Bei so einem festlichen Anlass muss natürlich auch eine Rede geredet werden. Herrn K.’s Frau liest ein Gedicht vor und schließt mit einer rührenden Liebeserklärung ab. Nach all den Jahren. Ein wohliges Gefühl schleicht durch die Halle, hier und da kullern ein paar Tränen. Schön. wirklich schön. Nach einer herzlichen Umarmung drehen sich Herr K. und seine Frau zur Band und wünschen sich ein Lied. One Moment In Time von Whitney Huston, das hat den beiden immer schon gefallen.

Tommy der Bandleiter verneigt sich, haucht ein “für Euch doch alles” ins Mikrofon und zählt die Band an. Das Lied beginnt mit zauberhaft arrangierten Fanfaren aus getragenen Trompeten und Posaunen. Acht herzerweichende Takte, zu denen Herr K. und seine Frau schon über die Tanzfläche schweben. Die Gäste erfreuen sich des Anblicks und seufzen gerührt.

Dann steht ein junger Mann aus der Band auf. Etwas schlacksig stellt er sich mit seinem Tenor Saxophon vor das Solo Microfon. Schließlich setzt er, nur noch begleitet vom Klavier, zur ersten Strophe an. “Each day I live”, singt Whitney da im Original. Das Publikum wiegt im Rhythmus der romantischen klänge, als der Saxophonist gefühlvoll… Quiiiiiiiiiek krackzt!
In ohrenbetäubender Lautstärke.

Ich, damals ungefähr 15, habe das Solo völlig zerrissen, die traumhafte Stimmung und damit einen wundervollen Moment zerstört. Eben so einen, von dem Whitney singt. Bei den K.’s hab ich mich gefühlte Tausendmal entschuldigt. Bei der Whitney leider nie. Nu isse Tod. Schöne Lieder bleiben für die Ewigkeit. Das Bewusstsein, was Drogen mit einem Menschen anstellen können hoffentlich auch.
Von den K.’s hab ich lang nichts mehr gehört. Hoffe aber, dass es ihnen prächtig geht.

Published inDeutschTagebuch

Be First to Comment

    Leave a Reply

    Your email address will not be published. Required fields are marked *