Die Euro 2016 ist vorbei, Deutschland ist bis ins Halbfinale gekommen und hat den vielleicht besten Fußball des Turniers gezeigt. Gründe für’s ausscheiden gibt es natürlich. Gründe für’s soweit kommen aber auch. Einer davon, also von letzterem, ist Benedikt Höwedes, der Defensiv-Allrounder.
Der Schalker Kapitän war alles in allem vielleicht einer der auffälligsten Akteure der Nationalelf. Nicht weil er der beste war, er hat ja nicht mal einen Stammplatz. Aber gerade weil die Fluktuation in der Mannschaft in diesem Sommer so hoch war, konnte er als bockstarker Defensiv-Allrounder glänzen.
In den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und gegen Polen gab Höwedes den rechten Außenverteidiger. In den folgenden beiden Spielen (Nordirland & Slowakei) wurde er als Innenverteidiger eingewechselt um den angeschlagenen Boateng zu entlasten. Gegen Italien gab er dann den rechten Halbverteidiger in der 3er Kette neben Boateng und Hummels. Und zuletzt gegen Frankreich dann den Hummels-Ersatz neben Boateng. Nachdem er also die Weltmeisterschaft als Linksverteidiger durchgespielt hat, wieder ein Turnier, bei dem er in jedem Spiel zum Einsatz kam. Trotz 2 der Weltbesten Innenverteidiger in der Mannschaft.
Höwedes in der Defensive
Der Grund dafür liegt darin, dass er sich qualitativ in der Defensive auf sehr ähnlichem Niveau bewegt wie Boateng und Hummels, mit denen er ja auch schon seit Jahren gemeinsam spielt und etwa u19 Europameister geworden ist. Alle drei sind, und das ist typisch für die Generation deutscher Nationalspieler, sehr Passsicher. Bei Schalke gehört er grundsätzlich zu den drei sichersten Passgebern, in der vergangenen Saison mit 86,8% hinter Højbjerg (87,4%) und Neustädter (89,6%).
Höwedes ist ein Zweikämpfer und gehört da zu den besten der Liga. Seine Kopfballstärke kommt besonders bei Standards zum Tragen, defensiv wie offensiv. Dazu hat er ein blitzsauberes Stellungsspiel. Er steht immer richtig und hat die passende Dynamik und das Raumverständnis auch mal Probleme auszugleichen. Wir alle erinnern uns an die spektakuläre Grätsche gegen Olivier Giroud.
Dabei sind seine Stärken so klar und unspezifisch, dass er nicht auf eine Position begrenzt ist und in der Defensive jede Position spielen kann. Linksaußen, wie bei der WM, Rechtsaußen, wie im ersten Spiel der EM, die Innenverteidigerpositionen, aber auch beide Halbverteidiger sowie den Mittelverteidiger in einer 3er-Kette. Klar, weil sein linker Fuß ein Schwachpunkt ist, bietet sich die rechte Seite eher an. Aber wirklich festgelegt ist er da nicht.
Dabei wurde bei dieser EM auch mal wieder deutlich, dass er sich in seinen Defensiv-Fähigkeiten kaum hinter Hummels und Boateng verstecken muss. Und die beiden gehören zur Weltspitze der Innenverteidiger. Was aber ist denn dann der Unterschied? Nun, beide haben deutliche Stärken im Spielaufbau, Höwedes ist da sehr limitiert.
Höwedes in der Offensive
Sowohl Boateng als auch Hummels sind berüchtigt für deren Spieleröffnungen. Sie haben gutes Timing im Herausrücken und können mit einem Laserpass auch mal 2 bis 7 Verteidiger überspielen. Höwedes Stärke ist das eher nicht.
Und das fängt schon beim Herausrücken an. Höwedes fühlt sich in der Defensive wohl, den Bereich zu verlassen bereitet ihm Unbehagen, so scheint es. Besonders auffällig wird das natürlich auf der Außenverteidigerposition, die heutzutage meist sehr stark in die Offensive eingebunden ist. Höwedes zögerliches Aufrücken und oft nur mäßig genauen Flanken haben ihn dort ins Hintertreffen gebracht. Das war auch schon bei der WM so, aber da standen die Außenverteidiger insgesamt nicht sonderlich hoch und waren eher für die Absicherung da. Bei der Europameisterschaft jetzt hatte Deutschland es meist mit tiefstehenden Gegnern zu tun und wollte über die Außenverteidiger für mehr Vertikalität sorgen. Da war Kimmich dann der passendere Spieler im Vergleich zu Höwedes. Letzterer konnte dann aber Boateng und Hummels vertreten, wenn diese eine Auszeit brauchten/nehmen mussten.
„Zum Dani Alves werde ich nicht mehr…“
Benedikt Höwedes
Stärken überstrahlen Schwächen
Nun ist das alles nichts Neues. Seine Stärken und seine Schwächen sind sehr bekannt. Dazu kommt noch, dass er sehr fleißig ist und immer Mannschaftsdienlich, auf und neben dem Platz. Damit kann man arbeiten. Das macht ihm zum Abwehrchef auf Schalke. Klar, Matip hat diese Rolle in den letzten Jahren immer stärker gespielt, das lag unter anderem daran, dass Höwedes viel mit Verletzungen zu kämpfen hatte.
Seine klaren Stärken im Spiel und sein Team-Geist machen ihn aber auch zu einem wichtigen Spieler für Jogi Löw. Das sagt dieser auch gern. Wichtiger jedoch ist, dass man das sieht. Löw nutzt Höwedes Stärken und bindet sie in das Spiel der Nationalmannschaft ein. Das war bei der WM so, als Höwedes immer auf dem Platz stand und das war bei der EM jetzt so, als Höwedes der defensive Springer war, der viele Probleme abfangen konnte.
Ein paar Worte zur EM
Weltmeisterschaften sorgen mit schlichter Regelmäßigkeit für einen taktischen Quantensprung oder zumindest Meilenstein, der die taktische Entwicklung dokumentiert. Bei der vor zwei Jahren wurde etwa der Trend zur 3er-Kette begonnen.
Wenn die vergangene EM als Meilenstein herhalten soll, dann nur als trauriger und Rückwärtsgewandter. Das Gros der Mannschaften versuchte sich hinten festzusetzen und gelegentlich zu kontern. Der Boulevard nennt sowas gern mal Angsthasenfußball. Wenn man so will, gewann Frankreich gegen Deutschland mit einer Aufsteigertaktik.
Natürlich ist so ein Catenaccio immer legitim, besonders für Mannschaften die personell deutlich unterlegen sind. Niemand käme auf die Idee Island dafür zu kritisieren. Wenn aber Mannschaften mit viel individueller Qualität nicht viel mehr einfällt als das, finde ich das traurig. Das ist in meinen Augen ein Armutszeugnis für die Trainer. Da zeigte sich wenig Inspiration bei dieser EM. Angefangen bei beiden Finalteilnehmern, über „Geheimfavoriten“ wie Polen zu den Teams bei denen die Erwartungen sowieso eher gering waren.
Insgesamt wurde also bei der EM der Trend bestätigt, den es auch in der Bundesliga gibt, eher kein Ballbesitz haben zu wollen, dafür aber schnell umzuschalten. Das finde ich langweilig. Ich hoffe, dass das nur ein vorrübergehender Trend ist und bald mehr Mannschaften Ballbesitz für sich entdecken. So zum Beispiel der FC Schalke 04.
Fazit
In der Defensiv-EM ist es schwer zu strahlen. Die offensiven Mannschaften haben allesamt Probleme mit der Vertikalität und dem Sprengen des gegnerischen Defensivverbunds. Darum kann Höwedes strahlen. Was aus deutscher Sicht in Erinnerung bleiben wird sind zwei lächerlich überflüssige Handelfmeter, Boatengs Torabwehr auf der Torlinie im Ins-Tor-Fallen und Höwedes‘ Grätsche.
In dieser Defensiv-EM war Höwedes auch ein entscheidender Faktor, dass eine der wenigen Mannschaft mit vernünftigem Ballbesitzspiel eine stabile Defensive hatte. Grund dafür sind seine hervorragenden fußballerischen Fähigkeiten in der Abwehr und seine Mannschaftsdienlichkeit. Beides wird vom Bundestrainer sehr geschätzt. Das sagt er und das zeigt er.
