Freitag, der 14. Oktober 2016. Flutlichtspiel am 7. Spieltag der Fußball Bundesliga. Die Hertha aus Berlin ist zu Gast in Dortmund und ringt den Gastgebern einen Punkt ab. Borussen-Trainer Thomas Tuchel beschwert sich anschließend medienwirksam über deutlich zu viele Fouls. Hauptstadt-Trainer Pál Dárdai entgegnet „Das war Männerfußball.“
Von Tag an und mindestens bis zur Winterpause verging keine Partie mehr im deutschen Fußball und dessen Berichterstattung, an dem die Vokabel „Männerfußball“ nicht zum Einsatz kam – gern auch in der Variation „Fußball für echte Männer“. Einige Zeit ist es jetzt schon her, dass Oli Kahn Eier von den Spielern forderte, oder Klopp ein paar Jahre später Cojones. Die Reaktion war und ist immer die gleiche: Der Boulevard stürzt sich drauf, das Ganze wird unendlich oft aufgewärmt und im Handumdrehen teilt deine Mutter das Video auf Facebook. Alle finden’s witzig. Dabei ist es gar nicht witzig. In diesem Beitrag möchte ich erklären warum, und dafür fange ich, wie immer, mit ein bisschen Theorie an…
Feminismus
Die Sozialwissenschaften erklären, dass Feminismus in Wellen passiert. Die erste Welle ging etwa vor 100 Jahren zu Ende, mit der Anerkennung, dass Frauen eben auch Menschen sind. Wahlrecht, die Erlaubnis den Führerschein zu machen und andere fundamentale Grundrechte waren die Folge. In der zweiten Welle ging es dann vor allem um die Gleichstellung vor dem Gesetz, mit dem Höhepunkt in der Hippie Bewegung während der 1960er und 1970er Jahre. Frauen sollten arbeiten und studieren dürfen, und das selbstbestimmt. Außerdem wurde häusliche Gewalt illegal.
Mit etwas Abstand wurde sichtbar, dass die ersten beiden Wellen zwar eine Verbesserung darstellten, aber eigentlich nur für Frauen der Mittelschicht. Und außerdem nur nach den Normen weißer (meist alter) heterosexueller Cis-Männer. Frauen dürfen also schon arbeiten gehen, aber das funktioniert nur, wenn sie den gegebenen Standards folgen. Standards, die von Männern für Männer definiert wurden. So wird das Patriarchat gesichert.
Entsprechend befinden wir uns zur Zeit in der dritten Welle, in der es perspektivisch darum geht, eben jenes Patriarchat abzuschaffen und auf individuelle Begebenheiten einzugehen. Privilegien auf Grund von Kategorisierungen aller Art (Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnizität, Kultur, Religion, Alter, etc.) sind ungerecht. Wir sollten unsere Unterschiedlichkeit anerkennen und zelebrieren, anstatt uns deswegen gegenseitig auszuschließen. Denn diejenigen, denen Privilegien verwehrt bleiben, leiden darunter. Das ist das, was wir Diskriminierung nennen.
“Privilegien sind unsichtbar, für diejenigen denen sie zu Teil werden.”
Michael Kimmel (Ted Talk)
Feminismus ist und war nie ein Thema, das nur Frauen betrifft – es betrifft uns alle, die ganze Gesellschaft. Auch und vielleicht ganz besonders uns Männer. Ziel des Feminismus ist es nämlich, Macht gleichmäßiger und gerechter zu verteilen. Wenn einer Minderheit mehr Macht zugesprochen wird, muss diese ja irgendwo herkommen, also muss eine Mehrheit darauf verzichten. Und Macht abzugeben, das erfreut die wenigsten.
Fußball nur für „ganze Männer“?
Und damit kommen wir zurück zum Fußball. Sprüche wie die von oben re-iterieren unablässig, dass Fußball nur etwas für „ganze Männer“ sei. Aber ein „ganzer Mann“, was ist das eigentlich? Und warum wird das derart glorifiziert? Muss es ein Zielbild für alle Fußball-Fans und -spieler sein, ein „ganzer Mann“ zu sein?
Ich verzichte jetzt mal darauf, eins von diesen GIFs einzubinden, die wir alle kennen, in denen erst ein männlicher Fußballspieler in einem Zweikampf kaum berührt wird, sich aber gefühlte Ewigkeiten vor Schmerz krümmt, bevor auf ein Spiel eines Frauen-Teams umgeschwenkt wird, bei dem eine Spielerin mit einer klaffenden Fleischwunde blutverschmiert dem Ball hinterher jagt. Eigentlich erfüllen sie ja damit die Forderungen mit dem „Männerfußball“. Und trotzdem sind sie doch wohl keine Männer. Das heißt aber natürlich nicht, dass sie keinen Mumm hätten. Sie sind eben nur keine Männer.
Das Problem ist, dass Mumm und Mann in unserem Sprachgebrauch oft gleichgesetzt werden. Völliger Unsinn, natürlich. Eine Aussage wie „Wir brauchen jetzt Männerfußball!“ muss sich anfühlen wie ein Schlag ins Gesicht jedes weiblichen Fußball-Fans und jeder Fußballspielerin. Denn es schließt sie aus, sie gehören nicht dazu. Vielleicht sorgt eine gewisse Abstumpfung durch die systematische Diskriminierung von Frauen in unserer Gesellschaft dafür, dass der Aufschrei der Frauen über ein solches Zitat nicht mehr so groß ist. Zu häufig sind ähnliche Beispiele, zu alltäglich muss es für Frauen sein, so etwas zu hören. Besser wird das dadurch natürlich in keinster Weise.
Der DFB hat Frauen das organisierte Fußballspielen übrigens 1955 verboten. Aus moralischen Bedenken, man müsse die Frauen ja beschützen. Bis 1970 hielt dieses Verbot an (schöner Artikel und Podcast dazu). Das ist noch gar nicht so lange her.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Und dann schwingt da noch etwas anderes mit. „Echte Männer“, nicht bloß einfach Männer. Klar, es wird weniger, aber noch immer wird Homosexualität in deutschen Stadien als Beschimpfung benutzt. Und zwar gleichgestellt mit Verweichlichung. „Echte Männer“ sind harte Kerls und können ja nicht schwul sein. Ebenfalls völliger Unsinn, natürlich.
Überhaupt ist der Umgang mit Homosexualität ein schwieriges Thema im Fußball, vollgestopft mit Vorurteilen. Als Thomas Hitzlsperger mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit ging (wohlüberlegt erst nach seinem Karriereende), sorgte das ein Stück weit für Verwirrung. Das ist doch The Hammer, der den Ball wie ein Dampfhammer über den halben Platz in die Maschen drosch! Das passte nicht ins Bild…
Schon ein paar Jahre zuvor hatte der damalige DFB Präsident Theo Zwanziger sich mal dafür ausgesprochen, dass schwule Fußball-Profis sich outen sollten. Selbst immerhin Kopf einer Organisation, die sich nahtlos in das patriarchalische System einfügt. Der Aufschrei war groß. Jens Lehmann fände das komisch. Die Zeit sei noch nicht reif, riefen auch andere große Namen des Fußballs wie Tim Wiese und Philipp Lahm. Und alle nickten im Chor. Und forderten ein paar Momente später wieder echten Männerfußball.
Ich stelle es mir schrecklich vor, verstecken zu müssen, mit wem ich gern händchenhaltend durch den Park gehen möchte. Es ist völlig absurd, Männer zu glorifizieren, aber einen Teil davon auszuklammern. Wegen einer sexuellen Orientierung. So ein Unsinn, natürlich. Vor allem wenn ich mir angucke, was für verkümmerte Gestalten glauben, da drüber zu stehen, nur weil sie zufällig…
Ach Mist, ich wollte mich doch nicht aufregen…
Hartes Zweikampfverhalten hat mit dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung jedenfalls überhaupt nix zu tun.
Frauen und Fußball
Insgesamt hat der Fußball das Problem, dass Männer gern ein exklusives Gehabe drumrum bauen. „Frauen haben ja einfach keine Ahnung“ scheint das Naturgesetz zu sein. Dann müssen wir nur noch die Abseits-Regel erwähnen und alle lachen. Ich behaupte, in jedem x-beliebigen Fußballstadion in Deutschland kann mindestens die Hälfte der männlichen Zuschauer nicht stolperfrei erklären, was Abseits ist, auch wenn sie es von der Bedeutung her vielleicht trotzdem verstehen. Von Frauen wird aber eben diese perfekte Erklärung erwartet. Das ist wie die Mutprobe der Nachbarschafts-Gang, die eigentlich nicht erfüllbar war. Aber der Klaus musste da durch. Weil wir ihn eigentlich nicht dabei haben wollten. Und so hatten wir wenigstens was zu lachen.
Gleiche Leistung wie Männer zu erbringen, ist für Frauen anscheinend nicht genug. Bei so gut wie jedem Spiel wird sich immer über den Kommentator aufgeregt, auch wenn es – seien wir mal ehrlich – ein bisschen zu seinem Job gehört, dummes Zeug zu quatschen. Aber als dann bei der EM 2016 eine Frau am Mikro saß, brach die Hölle los. Und der Shitstorm war von ganz anderer Größenordnung gegenüber dem bei ihren männlichen Kollegen. Vor allem wenn man bedenkt, dass der ganze Ärger schon vor ihrem ersten Auftritt seinen Höhepunkt erreicht hatte.
Ganz ähnlich ist es mit den Damen vor der Kamera, ob im Studio oder auf dem Rasen. Sie werden eigentlich immer leicht belächelt. Irgendwer wird denen schon sagen, was sie fragen sollen. Dass sie sich selbst auskennen könnten, wird eigentlich nicht wirklich in Betracht gezogen. Wichtig ist aber, dass sie toll aussehen. Auch, wenn deren männliche Kollegen großteilig so aussehen als hätten sie noch die halbe Nacht durchgezecht (achtet mal drauf!), ist bei Frauen ein tadelloses Äußeres (Figur, Frisur, Klamotten) Pflicht. Gleichzeitig wird darüber gelästert, dass diesen „aufgeschminkten Püppchen“ ihr Aussehen ja angeblich viel wichtiger sei als der Sport und sie es ohnehin nur auf ihre Position geschafft hätten, weil sie so aussehen, wie sie aussehen.
So werden Frauen im Fußball weiterhin nur als Dekoration angesehen. Trotz Kompetenz werden sie zu Beiwerk degradiert – auch wenn beispielsweise Jessica Kastrop, Katrin Müller-Hohenstein oder früher auch Monica Lierhaus ihren männlichen Kollegen sicher in nichts nachstehen. Das wird übersehen und lieber diskutiert, wie gut oder eben nicht sie heute wieder aussehen. Und sich anschließend auf kleinere Fehler geworfen wie die Aasgeier.
Aber es geht natürlich noch viel weiter. So stand beim Pokalfinale wieder ein ganzer Haufen an Frauen in goldenen Kleidern im Hintergrund rum, während vorne Männer den Pokal bekommen haben. Einfach so zur Zierde. Im Jahr 2017. Wie jedes Jahr. Das grenzt an Menschenverachtung.
Und dann ist da natürlich noch der Frauenfußball als solches. Der zwar sehr erfolgreich ist, aber oft verschmäht wird. Jüngstes und vielleicht extremstes Beispiel ist wohl der VfL Wolfsburg, der mit seinem Damen-Team den Gewinn der Meisterschaft und des Pokals (#Double) nicht feiern wollte, weil die Männer noch in der Relegation um die Erstklassigkeit kämpften. Alles eine Frage der Prioritäten. Da die große öffentliche Empörung ausblieb, liegt die Vermutung nahe, dass andere Clubs das ähnlich gehandhabt hätten.
Schalkerinnen und Schalketten
Das ist also die große weite Welt des Fußballs. Aber wie sieht’s im eigenen Vorgarten aus? Im Organigramm des geilsten Klubs der Welt, des FC Schalke 04, findet sich genau eine Frau. Bei 12 Personen insgesamt. Christina Rühl-Hamers ist die Direktorin Finanzen. Ohne das genauer überprüft zu haben, gehe ich davon aus, dass Schalke da in der Bundesliga kein Einzelfall ist. Das ist schade, weil Vielfalt fehlt.
Was mich auch immer wieder ärgert: Schalke betreibt zwar zwei (in Zahlen: 2!) eSport Teams, hat aber keinen Frauenfußball im Programm. Schalkerinnen und Schalker haben so viel Begeisterung und Liebe zu geben, da wäre sicher auch Platz für ein Damen-Team. Malochen können die auch. Offensichtlich.
Der springende Punkt
Der Fußball hat ein Sexismus-Problem und ist damit einmal mehr ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir Männer verhalten uns oft, als würde der Fußball uns gehören und als müssten wir Frauen aus unserem elitären Kreis ferngehalten. Sicherlich nicht immer bewusst, aber doch effektiv.
Der Fußball hat sich verändert, ist nicht mehr so wie in den 80ern. Fußball ist heute gesellschaftstauglich. Wir sollten anfangen, darauf zu achten, was wir so sagen und was wir damit anrichten. Das heißt natürlich auch, etwas von unserer Macht abzugeben, unseren elitären Kreis zu öffnen. Dafür gewinnen wir aber viel hinzu: mehr Menschen, mit denen wir unsere Leidenschaft teilen können, nämlich.
Und ja, weibliche und homosexuelle Schalker*innen finden den BVB auch doof.
Dank
Dieser Text wäre ohne die Unterstützung von Daniela, Rebecca und Sarita nicht möglich gewesen. Ich danke Euch herzlichst für viele interessante Diskussionen und konstruktives Feedback. Folgt ihnen und lest und hört was sie sonst so zu sagen haben:
- Daniela Ishorst, @die_horst.
Podcasts: Horst – die Podcast und Kunst & Horst - Rebecca Görmann, @genderbeitrag.
Podcasts: die Kulturpessimisten und Geschichtenkapsel und 1. FC PP - Sarita Fae, AnthroGender.
Disclaimer
Tuchel selbst hat den Begriff Männerfußball schon in Mainz immer wieder gern benutzt. Eier und Cojones wurden auch schon von diversen anderen Sportlern und anderen Menschen gefordert. Ich möchte den im Text genannten Personen nicht die Schuld an gesellschaftlichen Problemen in die Schuhe schieben. Sie dienen lediglich als Beispiele, die jedem bekannt sind. Und könnten Vorreiter sein, in der Zukunft gegen sowas zu kämpfen.
Hi, ich heiße Karsten und ich bin Feminist.

