Mesut Özil und die Diskriminierung im deutschen Fußball

Das Thema Mesut Özil ist eigentlich gar nicht ein Thema, sondern es ist ein ganzer Strauß an Themen, die sinnvoller Weise dediziert betrachtet werden müssen. In diesem Text möchte ich mich mit dem Vorwurf des Rassismus auseinandersetzen und versuche zu erklären, was das eigentlich alles ist und warum es so selten verstanden wird.

Rassismusvorwurf

Rassismus wird von den meisten Menschen verurteilt. Jemanden als Rassisten zu bezeichnen kommt einer schwerwiegenden Beleidigung gleich. Kaum jemand würde sich selbst Rassist nennen. Wenn jemand aufgezeigt bekommt, dass in einem speziellen Moment rassistisch gehandelt wurde, reagieren wir mit Aggression und Frustration. Wir versuchen uns zu rechtfertigen und geraten in eine Verteidigungshalteng. Ich bin doch kein Rassist, das war ja ganz anders gemeint.

Oft geht es dabei dann in erster Linie darum dieses Label „Rassist“ wieder los zu werden, das da plötzlich am Revert klebt. Um den eigentlichen Sachverhalt oder gar deren Opfer geht es dann überhaupt nicht mehr. Es geht nur noch um den Selbstbilderhalt. Im Sexismus sehen wir das gleiche auch ständig.

Dabei ist das eigentlich gar nichts schlimmes. Wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, dass etwas spezielles unangemessen war, und mir das gar nicht bewusst war, gibt mir das die Möglichkeit daraus zu lernen, dafür zu sorgen, dass sich etwas ähnliches nicht widerholt und, ganz besonders, mich beim Opfer (bzw. den Opfern) zu entschuldigen.

Entsprechend sollten wir eigentlich dankbar sein auf Fehlverhalten aufmerksam gemacht zu werden. Doch schon der „Vorwurf“ im Begriff macht deutlich, dass sowas nur selten als Anlass zum Wachstum genommen wird. Dieser Text ist aber genauso gemeint. Kommen wir also zum Thema…

Migranten

Viele Menschen in diesem unseren Land haben mehr als nur eine Nationalität. Weil das offiziell schwierig ist (aus welchem Grund auch immer glaubt der Deutsche Staat, dass man keine Identität neben der eigenen haben soll) möchte ich hier lieber von Kulturen sprechen. Es geht also um Menschen verschiedener Kulturen gleichzeitig. Mama von hier, Papa von da, oder alle gemeinsam irgendwo hingezogen, wo sie nicht „herkommen“ (was auch immer das bedeuten mag). Dabei müssen das gar nicht immer unterschiedliche Länder sein. Wer aus Bayern nach Niedersachsen zieht (oder umgekehrt), der weiß was kulturelle Ausgrenzung ist. Und es geht auch viel kleiner. Aber eben natürlich auch größer.

Wir im Ruhrgebiet sind eine Ansammlung an Menschen mit Wurzeln in allen möglichen Teilen des Erdballs. Dabei ist das Stichwort Gastarbeiter nur ein Aspekt von einem bunten Strauß an Gründen warum Menschen hier hin kamen und kommen. Leider war Deutschland zwar sehr Erfolgreich daraus nutzen zu schlagen, siehe Wirtschaftswunder, aber eben nicht darin Menschen gut zu integrieren. So ergaben sich Subkulturen. Ein nebeneinander entstand.

Ich komme aus Herten, der zweitgrößten Stadt in Europa ohne eigenen Bahnhof. In meiner Grundschulklasse wurden etwa die Hälfte der Kinder als Türken bezeichnet. Die Kneipen in denen ich mich um die 20 rumtrieb wurden von Menschen geführt (und zu relevanten Teilen bevölkert von) Menschen die wir als Türken bezeichneten. Viel Austausch gab es trotz der Nähe allerdings nie. Ich weiß so gut wie nichts über die Türkei. Und meine Türkischvokabeln beschränken sich auf zwei oder drei Schimpfwörter. Das finde ich beschämend.

Identität von Diaspora

Gemeinschaften in der Fremde werden Diaspora genannt. Also Menschen, die ihre kulturelle Heimat verlassen haben, sich aber noch verbunden fühlen. Diasporas haben ein Problem, in beiden Kulturen werden sie oft nicht so recht akzeptiert. In der alten Heimat, weil sie ja in der Fremde leben, und in der Fremde, weil sie sich ja der alten Heimat angehörig fühlen/zeigen.

Das hängt eng zusammen mit der Frage nach der Identität. Meine Nationalität ist Teil meiner Identität, meine Kultur, mein Geschlecht, meine Sexualität, und all sowas. Was das für mich bedeutet wird dabei grundlegend von der Gesellschaft vorbestimmt in der ich lebe. Als weißer cis hetero Mann, christlich erzogen, ist das mit der Identität entsprechend eine einfache und feine Sache. Alles was davon abweicht, hat aber ein Problem, wird es doch als prinzipiell nicht ‚normal‘ eingestuft.

Der Aufbau einer Identität ist dabei entscheidender Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Die Pubertät tut (für alle beteiligten) so weh, weil das die Zeit ist, in der wir unsere Identität bilden. Kind von Immigranten zu sein muss unfassbar schwer sein. Zwischen zwei Stühlen, also der Kultur der Eltern und der Kultur der Gesellschaft, aufzuwachsen und sich dabei noch selbst zu finden… sicherlich nicht einfach.

Die einzige sinnvolle Lösung für solche Fälle ist die Akzeptanz beider Seiten und vor allem deren Unterschiede. Und dann haben wir noch nicht davon gesprochen, wie in unserer Gesellschaft mit andersartigen umgegangen wird.

Springen zwischen Kulturen

Die meisten Menschen, die ich als Türken im Ruhrgebiet kennen gelernt habe, leben mit der Akzeptanz beider Kulturen. Wenn ich mit ihnen rede, sind sie anders, als wenn sie mit ihren Familien reden. Statt zwischen den Stühlen zu sitzen, springen sie spielend von einem zum anderen. Das ist bemerkenswert.

In einer Welt, in der Rechtspopulisten versuchen alles für eigene Zwecke zu nutzen, möchte ich noch unterstreichen, dass auch alle anderen Menschen das so machen. Die Stühle stehen nur enger zusammen. Es ist als grundlegendes Element der Gruppen- und Sozialpsychologie lange bekannt, dass wir uns in unterschiedlichen Kreisen (Familie, Freunde, Arbeit, etc.) unterschiedlich verhalten. Wir alle. Auch das sind kulturelle Unterschiede, die alle von uns mit sich rumtragen. Ein neuer Arbeitsplatz oder ein neuer Sportverein heißt für uns zunächst die Regeln der neuen Kultur kennen lernen.

Unterschiede sind gut

Wir wissen außerdem, dass kulturelle Unterschiede das miteinander bereichern. Teams finden kreativere Lösungen, wenn sie heterogen besetzt sind. Menschen die sich mit unterschiedlichen Kulturen auseinandersetzen sind intelligenter (Reisen bildet tatsächlich). Dass Multikulti eine Sackgasse sei ist reine Propaganda, sämtliche Forschungsergebnisse sprechen eine deutliche Sprache in die andere Richtung. Aber Populisten und Wissenschaft, das passt ja nunmal nicht so gut zusammen…

Entscheidend ist die Toleranz unterschiedlicher Standpunkte. Kulturforscher wissen, dass eine Kultur nur eine Perspektive auf Dinge ist. Auch wenn wir glauben, dass etwas so und so richtig ist, dann stimmt das maximal innerhalb unserer Kultur, aber ist nicht gemeingültig. Weil andere aus anderen Kulturen etwas anders machen, ist es nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders.

Für eine wirkliche Integration müssen also alle beteiligten Seiten lernen, dass es Unterschiede gibt und dass wir keine Angst davor haben brauchen, sondern viel voneinander lernen können. Stattdessen setzen wir Menschen unter Druck sich zu einer Seite zu bekennen, als wäre irgendjemandem damit gedient.

Wichtig dabei ist, dass Toleranz eine Art Weltanschauung ist, die von Intoleranz zerstört werden kann, recht leicht sogar. Dies wird das Toleranz-Paradox genannt und sagt, dass Intoleranz nicht toleriert werden darf, weil es die Toleranz vernichtet.

Ethnozentrismus, Rassismus, Diskriminierung

Die Denkweise, dass die Verhaltensmuster der eigenen Kultur die richtigen sind, und andere dementsprechend falsch, wird ethnozentrisch genannt. Wenn ihr das nächste Mal im Urlaub lieber ein Schnitzel-Restaurant aufsucht, denkt daran.

Dabei Evolutionshistorisch spielt Ethnozentrismus eine wichtige Rolle. In der Urzeit hing das Überleben der Gemeinschaft zum Teil davon ab, nicht einfach irgendwelche Fremde und deren Brauchtümer in die Gruppe aufzunehmen. Das ist allerdings einer der Fälle in denen unser Gehirn der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher hinkt.

Rassismus geht zwar in eine ähnliche Richtung, aber darüber hinaus. Im Rassismuss werden Menschen einer gewissen Gruppe zugeordnet, meist auf Grund von äußeren Merkmalen. Über die Kategorie Mensch wird dann geurteilt. Rassismus ist dabei ein kulturelles Phänomen ohne jede biologische Grundlage. Es gibt keine Rassen bei Menschen. Schon allein der Begriff ist im eigentlichen Sinne verabscheuungswürdig. Die äußeren Merkmale sind meist die Augenform (einfache oder doppelte Oberlidfalte) oder die Hautfarbe.

Um es klar zu sagen, der genetische Unterschied zwischen dir und deinem Nachbarn ist größer als der genetische Unterschied zwischen dem Durchschnittsdeutschen und dem durchschnittlichen Chinesen, Nigerianer, Brasilianer, Italiener, Türken oder wasauchimmer. Wir sind die gleichen Menschen, alle. Das gleiche gilt für Frauen und Männer, Gehirnchirurgen etwa können das Geschlecht nicht am Gehirn erkennen.

Wenn Ethnozentrismus oder Rassismus dann aktive Auswirkung auf Menschen hat, sprechen wir von Diskriminierung. Meistens geht es um Übervorteilung oder anders gesagt, es gibt Privilegien, die andere nicht genießen. Dabei muss das ganze gar nicht immer aktiv gewollte Ausgrenzung sein. Die meisten Gebäude etwa, die nicht Rollstuhlfreundlich sind, sind dies nicht aus purer Boshaftigkeit. Ein Problem für betroffene ist es trotzdem.

Unbewusste Diskriminierung ist oft institutionalisiert. Sie ist Teil des Systems und fällt nur denen auf, die darunter leiden. Für die anderen ist der Status Quo kein Problem und wird dieser Angegriffen, so bringt das Schmerzen mit sich. Wenn wir dann darauf hingewiesen werden, reagieren wir oft gereizt (ich erwähnte es eingangs), weil ja der Hintergrund allen klar ist. Beispiele sind etwa fast ausschließlich weiße Männer in den Vorständen der DAX Unternehmen. Das Spiegelt den Durchschnitt der Gesellschaft nicht wieder, entsprechend muss irgendwo ein Problem im System liegen.

Aber kommen wir zu einem, der es eigentlich geschafft hat, sich trotz aller Widerstände in diesem System durchzusetzen…

Grafik mit freundlicher Genehmigung von Daniel Nyari

Mesut Özil

Mesut Özil, wie viele andere mit ähnlichem Hintergrund auch, muss sich immer wieder erklären. Viel häufiger als andere. Seit ich ihn auf Schalke zum ersten Mal bewusst wahrnahm, fielen mir Texte in diversen Medien auf, in denen er für sein Aussehen und seine Statur angefeindet wurde. Als Schönspieler beschimpft, festigte sich schnell das Vorurteil, dass er nur dann gut Spiele, wenn die ganze Mannschaft gut spiele. Auch wenn alle Statistiken klar das Gegenteil beweisen (und eigentlich jeder Fußballsachverstand ebenso).

Dass das Fußball-Genie von Mesut Özil nicht von allen erkannt wird, ist schade, aber nicht schlimm. Deutschland ist nunmal ein Land von Fußball-Interessierten, nicht von Fußball-Verstehern. Dass Mesut Özil aber immer und immer wieder auf Grund seiner Unterschiedlichkeit ins Kreuzfeuer genommen wird, ist nichts anderes als Diskriminierung.

Der Begriff Deutsch-Türke fällt in dem Zusammenhang viel häufiger als mit Spielern anderer Nationalitäten, etwa Lukas Podolski und den Polnischen Vorfahren. Das geht Özil so und unzählige andere Menschen in Deutschland teilen das gleiche Schicksal. Allerdings ist Özil hohe Prominenz. Er ist der vielleicht populärste Fußballer Deutschlands. Das bedeutet er ist Vorbild von unzählig vielen Menschen. Menschen, von denen vermutlich nicht wenige ähnliche Probleme bei der Identitätsfindung haben/hatten wie Özil. Das sind Menschen die auch immer wieder mit ansehen können, wie das Team sich Erfolge erspielt, aber Özil schuld an Niederlagen ist.

Das Erdogan Foto

Wenn Özil ein Vorbild für so viele ist, heißt das natürlich auch, dass er sich nicht aus der politischen Verantwortung stehlen kann. Alles was wir tun und sagen ist immer auch politisch. Sich als Sportler davon ausnehmen zu wollen, zeigt, dass da jemand schlecht beraten ist und ein paar Zusammenhänge nicht versteht. Das trifft nicht nur auf Özil zu, sondern viele andere Sportler, Schauspieler, Musiker und sonstige Prominenz, ebenfalls, die in eine ähnliche Kerbe schlagen.

Dass sich Fußballer gern mit hohen politischen Persönlichkeiten ablichten lassen (und umgekehrt), ist nichts Neues. Gerade Schalker sollten hier mal ins Foto-Archiv der 30er und 40er Jahre blicken. Eine gewisse Publicity-Geilheit gehört zum Geschäft. Und ich glaube die ist aus der ferne (also von uns sterblichen) auch schwer nachvollziehbar und darum so leicht zu kritisieren.

Selbstverständlich ist Erdogan der Präsident der Kultur Özils Eltern. Selbstverständlich tritt eben jener Präsident die Menschenrechte aber auch mit Füßen und baut sich eine hübsche Diktatur auf.

Ein Vorbild auf einem Bild mit Erdogan, bedeutet natürlich Werbung. Vielleicht entspricht das ja Özils politischer Richtung. Vielleicht nicht.

In jedem Fall gehört es zu einer toleranten Gesellschaft, dass das Verhalten von allen kritisiert werden darf. Bei Vorbildern ist es sogar sehr wichtig. Auch Vorbilder brauchen eine Kontrollinstanz von außen. Und zu diskutieren ob bestimmtes Verhalten angemessen war, ist immer sinnvoll. Entsprechend fände ich den Diskurs um besagtes Erdogan Bild sinnvoll und wichtig. Doch dazu kam es nicht. Leider.

Stattdessen wird die ganze Persönlichkeit, die komplette Identität von Mesut Özil öffentlich in Frage gestellt. Der Kulturelle Hintergrund wird als falsch definiert und alles was damit zu tun hat verteufelt. Für den Menschen und dessen Motivation interessiert sich niemand mehr.

DFB

Der größte Verband der Welt verhält sich sehr typisch. Auf Rassismusvorwürfe wird reagiert indem auf Kampagnen gegen Rassismus verwiesen wird. Selbstreflektion findet nicht statt. Der DFB handelt großteilig mit „Geschäftsleuten“ denen Menschenrechte und Werte nicht so wichtig sind, wenn sie dem eigenen Profit im Wege stehen.

Letztlich also genau das gleiche Vergehen, was Özil zu Lasten gelegt wird, nur natürlich im viel größeren Rahmen. Protest gibt es zwar, der wird aber locker wegmoderiert, fällt eh nicht besonders laut aus. So krass unterschiedlich werden die Fälle bewertet. So problemlos stellt der Club der alten weißen Männer den Migranten ins Kreuzfeuer.

Und weil das so schön einfach ist, kann da einfach alles dran aufgehängt werden. Der DFB machte Özil zum alleinschuldigen am WM aus, beweist einmal mehr eine Kommunikationsstrategie wie eine Bananenepublik und die völlige Unfähigkeit mit dem Mangel an Erfolg umgehen zu können.

Selbstverständlich darf auch der Spieler Özil kritisiert werden. Aber doch bitte nicht dafür, dass er türkische Wurzeln hat. Statt das Spiel zu kritisieren, was keiner versteht, weil es allen zu hoch ist, wird lieber darüber hergezogen, dass er die Hymne nicht mitsingt. Dass sich Ausgegrenzte immer wieder für Dinge rechtfertigen müssen, die bei anderen einfach hingenommen werden, ist Diskriminierung. In diesem Fall Rassismus. Oft wird diese aber selbst nicht wahrgenommen. Darum reagieren Menschen oft schräg, wenn sie darauf hingewiesen werden.

Alles hat ein Ende…

Mit Mesut Özil ist ein genialer Spieler wegen seiner Unterschiedlichkeit aus der Nationalmannschaft raus-schikaniert worden. Dafür schäme ich mich. Großer Schaden ist entstanden, nicht nur Sportlich wird er fehlen. Er ist aber auch nach wie vor das Vorbild von so vielen mit einer ähnlichen Geschichte. Die werden ihre Lehren aus der Sache ziehen. Das ist fatal. Besonders weil es den falschen Leuten in die Karten spielt. Es geht jetzt darum an den richtigen Stellen die Probleme zu identifizieren und Wiedergutmachung im großen Stil zu betreiben.

Viel von dem was ich hier geschrieben habe, habe ich in zahllosen Diskussionen mit der fabelhaften Sarita gelernt. Vielen Dank dafür.

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