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Karsten in der Soccer City. Teil 1: Auf ins Stadion

2010 war meine WM (Berichte in Wort und Bild). Gemeinsam mit meinem mexikanischen Busenkumpel Roberto habe ich nur 2 Spiele verpasst. Insgesamt. Und immer wieder dachte ich dabei, wie geil das Stadion in Soweto, Johannesburg, Südafrika doch ist, das sie Soccer City nennen und wie gern ich da mal rein möchte…

Das hier ist die Geschichte, wie ich es geschafft habe mir da das lokale Derby zwischen den Kaizer Chiefs und den Orlando Pirates anzusehen. Und weil es eine lange Geschichte ist, kommt sie in 3 Teilen daher.

In meinem Text ist von ganz vielen Menschen die Rede. Alle haben eine schwarze Hautfarbe. Den ganzen Tag über habe ich nur einen Menschen mit weißer Hautfarbe gesehen, vom weiten. Ich sage das nicht aus rassistischem Hintergrund, sondern möchte unterstützen, dass die verehrte Leserschaft die Situationen besser einschätzen kann. Bei uns in Nordeuropa ist das Bild ja eher umgekehrt. Gleichzeitig möchte ich aber nicht ständig von Hautfarben reden. Darum: Ja, alle schwarz.

Ein bisschen Geschichte vorweg

Es gibt so viel über Südafrika und Apartheid und Nelson Mandela (unbedingte Leseempfehlung der Autobiografie: Der lange Weg zur Freiheit) zu erzählen. Aber das würde den Rahmen hier sprengen. Interessant zu wissen ist hier vielleicht, dass Johannesburg bis vor nichtmal 150 Jahren eine Buschlandschaft war. Und dann wurde da Gold gefunden. Eine Zechenstadt also, mit lauter Halden rund rum.

Relativ bekannt ist vermutlich das Township (eine Art Ghetto für Schwarze während der Apartheid) im Südwesten: Soweto. Mit der Befreiung änderte sich hier einiges, inzwischen gibt es hier auch eine richtige Mittelschicht. Insgesamt aber natürlich noch eine Gegend mit zum Teil exorbitanten Kriminalitätsraten und, von ein paar wenigen Bereichen abgesehen, kein Ort für Touristen.

Soccer City steht in Soweto. Das Stadion ist eigentlich nach einer Bank benannt, aber was für ein geiler Name ist denn bitte Soccer City?! Jedenfalls steht das Stadion am Stadtrand. Soweto ist so groß (1,5 Mio Menschen wohnen da), dass es natürlich Stadtteile gibt. Einer davon heißt Orlando.

Fußball ist insgesamt sehr beliebt in Afrika. Die britischen Kolonialmächte brachten den Sport ins Land. Heute gibt‘s in Südafrika eine klare Aufteilung: Die weißen gucken Rugby, die schwarzen gucken Fußball. Ausnahmen gibt es nur wenige. Der Film „Invictus – Unbezwungen“ mit Morgan Freeman und Matt Damon beschreibt das recht schön. Entsprechend gibt es in Soweto auch diverse Fußball Clubs. Die größte Rivalität besteht zwischen den Orlando Pirates und dem Tochter-Club Kaizer Chiefs. Letztere tragen die Heimspiele in der Soccer City aus.

Während meines Urlaubs vor Ort sollten beide gegeneinander spielen. Das große Soweto Derby, sozusagen. Verschiedene Einheimische erzählten mir, dass dieses das wichtigste Spiel des Jahres sei. Aber dazu später mehr. Natürlich sei schon längst ausverkauft. „Aber das ist Afrika“, sagten viele dann oft, „Karten bekommst Du sicher trotzdem irgendwie…“

Mit dem Taxi zum Stadion

Also habe ich beschlossen meine Komfortzone zu verlassen und meine Ängste zu vergraben. Gemeinsam mit allem was mir über Gefahren in Südafrika, Johannesburg und Soweto so erzählt wurde. Ich stieg in ein Taxi und ließ mich zum Stadion fahren. Wir schreiben den 29. Juli 2017. Wie immer war keine Wolke am Himmel und es waren irgendwas um die 20°C, in der Sonne deutlich mehr. Anpfiff war um 15:30, Sonnenuntergang um 17:40 (Südhalbkugel, Winter).

Die Soccer City (oder das FNB Stadion, wie es dank eines Bank Sponsorings heißt) fasst 94.000 Zuschauer. Darüber hinaus wollte da gefühlt die ganze Region ins Stadion. Kurz: Es war mächtig voll. Verkehrschaos inklusive. Und weil das anscheinend alle wussten, mit Ausnahme meines Taxifahrers, gab es Straßensperren und spezielle Routen Richtung Stadion. Und Stau. Überall.

Jetzt hatte ich ja keine Karte. Mit meiner nord-europäischen Naivität habe ich mir gedacht, dass ich einfach 2 Stunden vor Anpfiff da auftauche und schon einen Straßenhändler finde, der mir etwas anbietet. Plötzlich im Stau stehen ließ mich an meinem Plan zweifeln. Eine Polizistin, die uns daran hinderte einfach zum Stadion zu fahren, sagte mir, dass ich einfach hier her laufen könne. Da, andere laufen auch. Mit meinem Zeitdruck dachte ich, dass wäre die beste Idee und stieg aus dem Auto. Sobald das Taxi weg war sah ich auch schon das Stadion. Am Horizont. 3,5km entfernt.

Das Derby Pärchen

Und während ich zügig Richtung Stadion schritt und sich hinter mir ein paar merkwürdige Gestalten rauften, wurde mir langsam bewusst, dass ich irgendwo in Soweto bin, alleine und ohne Möglichkeit irgendwie weg zu kommen. Außer eben diese Straße entlang zu laufen. Glaubt mir, das sind so Momente, das fängt man an gegen seine eigene Paranoia zu kämpfen.

Der Taxifahrer vorher meinte noch, dass ich nur einen Freund bräuchte, dann ist alles easy. Und während ich gerade noch denke, woher ich jetzt einen Freund zaubern soll, komme ich ins Gespräch mit einem Pärchen. Sie im schwarz-weißem Pirates Trikot, er im gelb-schwarzem Kaizer Chiefs Trikot.

Die beiden waren der Hammer. Wir haben uns unglaublich gut unterhalten und rumgeblödelt. Sie wohnen in Pretoria (eine gute Stunde im Norden) und es ist auch deren erstes Mal in der Soccer City. Wir machten Fotos und hatten Spaß (warum ich die Fotos nicht zeige, erkläre ich im 3. Teil). Alles war entspannt, bis wir plötzlich vor dem Stadion standen…

Eintrittskarte

Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich ja noch eine Karte brauchte. Und irgendwie war alles so fremd. Es war laut und wirkte auf mich sehr chaotisch. Menschen brüllten und gestikulierten überall. Das meiste in Zulu, das ich nunmal nicht verstehe. Und gerade als ich dachte, dass ich hier niemals eine Karte finden würde, sagten meine neuen Freunde, dass sie mir jetzt erstmal eine Karte suchen müssen. Obwohl sie selbst ihre Tickets schon lange hatten.

Sie fragten sich ein bisschen durch und fanden einen Typen, der vertrauensunwürdiger kaum aussehen könnte. Der hätte eine Karte für mich. 100 Rand kostete sie eigentlich, er wolle aber 200 Rand dafür haben. 100 Rand sind knapp 7€, also für mich finanziell durchaus machbar. Aber als ich gerade mit mir Rang, ob ich von sojemanden irgendwas kaufen möchte, intervenierten die beiden, verboten mir nahezu die Karte zu kaufen und redeten von Wucher und Frechheit.

Daraufhin kam eine noch viel finstere Gestalt zum Vorschein und bot mir eine ähnliche Karte für 150 Rand an, die durfte ich dann nehmen. Das tat ich auch, obwohl mir sehr unwohl dabei war.

Von meiner Zeit im Stadion erzähle ich im nächsten Teil.

Published inDeutschGlobetrotter

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